Praktische Hilfe in schwierigen Lebenslagen

Hauswirtschaftliche Kenntnisse und Fertigkeiten helfen den Alltag besser zu organisieren und Geld zu sparen. Gerade unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen kann das von Vorteil sein. Was man nicht gleich vermutet: Für Menschen in Not können diese Alltagskompetenzen besonders wichtig sein. Beispiele hierfür sind Frauen wie Melanie, Jessica und Nina*. Ihnen hat das Leben hart zugesetzt: Kein Job, keine Wohnung und massive soziale Probleme. Momentan leben sie in einem Übergangswohnheim für wohnungslose Frauen in Dieburg, werden dort sozialpädagogisch betreut und auf ein eigenständiges Leben „danach" vorbereitet. Dabei spielen neben persönlichen auch hauswirtschaftliche Kompetenzen eine Rolle. Neuerdings gibt hier im Wohnheim „Notwaende" eine Fachfrau des Deutschen Hausfrauenbundes (DHB) praktische Hilfe in Alltagsfragen rund um Kochen und Ernährung sowie um Reinigen und Hygiene.

DHB-Referentin Dzeia

Feste Tagesstruktur durch hauswirtschaftliche Arbeiten
„Die Frauen hier kommen aus sehr schwierigen Familienverhältnissen, haben viele Beziehungsabbrüche hinter sich und 90 Prozent von ihnen haben Gewalt erfahren", so die Leiterin des Wohnheims, Dorothea Köhler. Hier wird für und mit ihnen ein Hilfeplan für den durchschnittlich einjährigen Aufenthalt entwickelt. Hinsichtlich der Haushaltsführung liegen unterschiedliche Kompetenzen vor. Die Älteren können meist einen Haushalt führen, den Jüngeren fehlen jedoch schon elementare Kenntnisse. „Oft haben die Frauen nicht gelernt, für sich selbst zu kochen oder sich etwas Frisches zuzubereiten", so die Sozialpädagogin. Auch hinsichtlich Putzen und Reinigen bestehe Handlungsbedarf.

Schnell wird spürbar: Es geht hier um mehr als um Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten. „Den meist arbeitslosen Frauen fehlen feste Strukturen", erklärt Köhler. Deshalb sei es wichtig, diese aufzubauen. Regelmäßiges Kochen und Putzen sind wichtige Bausteine in einem festen Tagesablauf und helfen den Alltag zu bewältigen. Solche äußeren Strukturen sind auch gerade dann von Bedeutung, wenn innere fehlen, wie das hier meist der Fall ist.Kurse gut angekommen
In Dieburg hat bereits ein aus sechs Einheiten bestehender Kurs aus dem Projekt „Stärkung der Alltagskompetenzen" stattgefunden. Das Projekt wird in Kooperation mit der Verbraucherzentrale Hessen durchgeführt und vom Hessischen Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz gefördert. Die Hauswirtschaftsmeisterin Monika Dzieia hat für den DHB das Thema „Reinigen mit System" angeboten und mit den Bewohnerinnen von „Notwaende", Träger ist der Verein Horizont e. V., ein breites Spektrum an praktischen Hausarbeiten durchgeführt. Küchen- und Badreinigung, Waschen, Abfallentsorgung sowie Hygiene waren einige der Schwerpunkte. Zu Beginn mussten den Frauen Anreize für die Teilnahme gegeben werden. Das ist jetzt nicht mehr nötig. Der erste Kurs ist gut angekommen und die Kursleiterin hat bei den Bewohnerinnen den Wunsch auf weitere hauswirtschaftliche Angebote geweckt. Kochen und Ernährung stehen jetzt auf dem Plan.

Heute geht es um die Verarbeitung von Hackfleisch. Vor dem Kochen findet ein kurzer theoretischer Einstieg statt. „Das Haltbarkeitsdatum ist bei Hackfleisch besonders wichtig! Hackfleisch hat eine große Oberfläche und verdirbt deshalb schnell." Wie lange und wo man Hackfleisch am besten lagert, wird mit den Frauen besprochen, die viele eigene Erfahrungen und Ideen einbringen. Aber es geht nicht nur ums Fleisch. Gemüse ist angesagt. „Das Auge isst mit", so die Fachfrau. „Gerade bei Kindern ist das wichtig". Darum hat sie verschiedenfarbige Gemüsesorten wie Brokkoli, Blumenkohl, Möhren und eine Gurke mitgebracht. Aus der soll ein dekoratives „Gurkenkrokodil" hergestellt werden, das auch den Kleinen Lust auf Gemüse macht. Melanie, Mutter von zwei Kindern, übernimmt diese Aufgabe. Die Frauen, die sich hier im Haus selbst versorgen, beginnen mit dem Kochen. Jessica putzt und gart das Gemüse, Nina bereitet Frikadellen zu.

Flexibilität und Fingerspitzengefühl
Auch wenn diese Kochszene ganz alltäglich wirkt, stellt die Arbeit im Übergangswohnheim hohe Anforderungen an die Kursleitung. „Die Frauen sind hoch sensibel und es ist viel Fingerspitzengefühl nötig", so die Sozialpädagogin Köhler. „Es ist gut, wenn die Frauen merken, es kommt Eine, die ihnen was beibringen kann, aber die nicht alles besser weiß.", beschreibt es die Sozialpädagogin. „Für die Arbeit hier ist eine gute Beziehung zu den Frauen wichtig. Beziehung ist das Arbeitsmittel".

Dzieia ist es gelungen eine gute Beziehung zu den Kursteilnehmerinnen aufzubauen. Sie reagiert flexibel und individuell. So macht sie zwar regelmäßig einen Plan, geht aber spontan auf die jeweilige Situation ein. „Wenn es Probleme gab, habe ich meinen Plan weit zurückgenommen". Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Praxis. Theorie lässt die Fachfrau während der Praxis einfließen, wie jetzt, als es um die schonende Zubereitung von Blumenkohl, Brokkoli und Möhren geht. „Dieses Gemüse gart man kurz in wenig Wasser im Wasserdampf. So bleiben die Vitamine erhalten und Sie sparen auch Strom, wenn Sie wieder in einer eigenen Wohnung leben."

*Melanie, Jessica und Nina: Namen von der Redaktion geändert

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